Ich bin raus

Ich hab mich lange aus Parteipolitik rausgehalten, weil sie mir zuwieder war. Dann kamen die Piraten. Die wollten es anders machen. Ich habe dann da angeheuert. Ich bin auf dem Piratenschiff eingeschlafen und im Gockelland wieder aufgewacht. Kickeriki, Zeit zum Aufstehen. Der Traum ist tot.

2012: der Abstieg

Aber der Reihe nach. Erstmal hatte ich so ein richtig beschissenes Piratenjahr 2012. Ich hab mich mit Feuereifer in den Landtagswahlkampf gestürzt. Eigentlich hätte mir die Listenaufstellung in Münster eine Warnung sein sollen. Plötzlich ging es um Spitzenkandidaten. Davon ab empfand ich die Listenwahl als ein vollig unwürdiges Verfahren. Es war abzusehen, daß wir uns mit dieser Liste keinen großen Gefallen tun. Die meisten der Leute, die wir gewählt hatten, waren Menschen die aus der alten Welt kamen und die neue Welt bei den Piraten kennengelernt haben und auch mit ihr sympathisierten. Es war aber klar, daß diese Leute unter Druck in ihre alte Muster verfallen würden.
Die Posten der wissenschaftlichen Mitarbeiter wurden völlig intransparent vergeben. Bis zum heutigen Tage gibt es, von ein paar Ausnahmen abgesehen, keine ernsthaften Ambitionen aus der Fraktion, eine hochfunktionale Kommunkiationsstruktur zur Basis und den Arbeitskreisen aufzubauen, mit der man tatsächlich das in der Basis vorhandene Wissen abschöpfen und den vorhandenen Tatendrang sinnvoll für die Fraktion nutzen kann. Ich möchte der Fraktion gar nicht unterstellen, daß sie eine schlechte Fraktion ist, gemessen an allgemeinen Maßstäben. Allerdings mache ich ihnen den Vorwurf, daß sie furchtbar gewöhnlich sind. Da habe ich mir von Piraten doch mehr erwartet.
In Gelsenkirchen hat natürlich niemand den Arsch hochbekommen, also habe ich es auf mich genommen, den Wahlkampf hier zu schmeißen. Großer Fehler. Es kamen dann zwar tröpfchenweise noch andere Gelsenkirchener dazu, die mit gemacht haben und mit den Neupiraten, die in dieser Zeit zu uns gestoßen waren, hat es sogar zu einem anständigen Wahlkampf und einem Ergebnis über Landesschnitt gereicht. Allerdings hatte ich ja was gemacht, und goldene Regel bei den Piraten ist, daß wer Verantwortung übernimmt danach bluten muß.
Ich befand mich plötzlich in mitten einer Mobbingkampagne die von drei Trollen angezettelt wurde, von denen einer sich feige verpisst hat (im übrigen nicht zum ersten Mal) und die anderen beiden sind jetzt bei der FDP. Diese Mobbingkampagne bewegte einen Neupiraten für mich Partei zu ergreifen, was zur Folge hatte, daß er ab da genauso unter Beschuß genomen wurde. Das alles gipfelte im Hammergate, einer der häßlichsten Momente für mich bisher bei den Piraten. So wie mit Klaus umgegangen wurde, so geht man nicht mit Menschen um.
Bei den letzten Vorstandswahlen war ich mir sicher gewesen, daß ich nette und fähige Leute gewählt hatte. Diese Menschen haben mich unheimlich enttäuscht. Der Vorstand ist mal nach Gelsenkirchen gekommen um eine „Mediation“ zu machen. Da hat man sich allerdings völlig mit verhoben. Der Vorstand war unfähig oder unwillig sich in die Vorfälle einzuarbeiten. Der Termin war schlampig vorbereitet und miserabel durchgeführt. Ergebnis des ganzen war, daß der Krieg in Gelsenkirchen danach erst so richtig tobte. In diesen Flammen ist Klaus Hammer dann umgekommen. Es wurde hier diese unsägliche Nazipropagandaintrige gesponnen. Die wurde von einigen Vorstandsmitgliedern erst angeheizt und als es dann überkochte, stand Klaus Hammer plötzlich allein damit da.
Klaus ist ein Mensch, der zu Nervösität neigt, wenn er unter starken Druck gerät und so hat er einen Fehler gemacht. Das kam natürlich sehr gelegen, denn jetzt hatte man ein Bauernopfer. Klaus Hammer wurde draufhin einfach weggeschmissen, wie ein Rennpferd, das man einschläfert, wenn es nicht mehr ausreichend Leistung bringt. Die ganze Sache stank bis zum Himmel, in der Basis interessierte das aber wohl niemanden so recht. Man ließ sich mit dem Hinweis auf ein laufendes Verfahren und des Piraten liebstes Totschlagargument, dem Datenschutz, hinhalten. So lange bis man vergessen hatte.

Nie mal innehalten

Ich habe mir damals nicht die Zeit genommen, mich mal hinzusetzen und über das Erlebte nach zu denken. Das war dumm. Aber ich wollte ja die FlauschCon machen. Mir war es wichtig, daß wir diese Idee davon, einen anderen, menschlicheren Politikstil durchzusetzen, der Raum läßt für respektvollen Umgang miteinander, festigen bzw. institutionalisieren. Es begab sich nämlich zu dieser Zeit, daß diese Dinge immer mehr verloren gingen. Es war schon eine ziemliche kognitive Dissonanz, die ich mir aufzwingen mußte, um gleichzeitig Ziel einer Mobbingkampagne in Gelsenkirchen zu sein und einen Kongress zu organisieren, der sich gegen Mobbing, Ausgrenzung und Diskriminierung richtet. Aber es sollte noch besser kommen. Kommunikation war ja auch großes Thema der FlauschCon. Es war so sehr Thema, daß wir über die Beschäftigung darüber völlig vergessen haben, miteinander vernünftig zu kommunizieren. Es sollte noch mal besser kommen. Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Ja, und es kommt sogar nochmal besser, weil nicht dieser Betrüger war es, der den größten Verrat an der Idee der FlauschCon beging. Nein, es war eine allseits bekannte Piraten, die ich mal zu den Piraten geholt hatte und der ich eigentlich vertraute, die mit ihrem Egoismus, ihrer Selbstverliebtheit und ihrer Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, die gesamte Idee und Veranstaltung nachhaltig verbrannt hat.

Der BPT

Wieder keine Zeit, mir über das erlebte Gedanken zu machen. Mittlerweile ging es steil auf den BPT in Bochum zu. Es sollte ein Wahlprogramm für die Bundestagswahl beschlossen werden. Zusammen mit dem Andi_NRW hatte ich die letzten drei Jahre auf diesen BPT hingearbeitet. Mit anderen Piraten haben wir einen AK für NRW aufgebaut und die AG auf Bundesebene funktionsfähig gemacht. Wir haben unseren Grundsatzantrag im NRW- sowie Bundesprogramm verankert. Es gab ein drogenpolitisches Programm für NRW und in sehr anstrengender Arbeit hatten wir seit Ende 2011 ein Bundestagswahlprogramm erarbeitet.
All das wurde komplett ignoriert in Bochum. Das lag auch im Rahmen des Möglichen, hätten wir in Bochum einen produktiven Parteitag erlebt, wäre mir das egal gewesen. Aber so war es ja nicht.
Eine gewisse Julia Schramm, die ihren Status und somit wohl auch ihren Buchdeal der Piratenpartei zu verdanken hat, hat zwar vollmundig verkündet, daß sie mit dem Vorschuß jetzt ganz viel für die Partei machen könne, nur leider ist davon nix übrig geblieben. Es war abzusehen, daß es eine ware Antragsflut geben würde. Die Anthraxkommission (das war Julias Beauftragung im Vorstand) hat leider völlig darin versagt, diese Anträge sinnvoll zu sortieren und zu strukturieren. Ein unausgegorenes Liquidfeedbackverfahren und eine lieblos und völlig verwirrend ausgestaltete Limesurveyfrage sind halt nicht in der Lage, über 30.000 Menschen die Möglichkeit zu geben, um die 700 Anträge sinnvoll zu sortieren.
Also war die Basis verwirrt und das führt dann in der Regel zu suboptimalen Ergebnissen. Die Presse hatte ja gesagt, wir müssen mal endlich irgendwas mit Wirtschaft machen, also folgt die verwirrte Basis brav dem Befehl und hebt das Thema Wirtschaft auf’s Programm. Warum sollte man auch den Gruppen Vorzug geben, die über lange Zeiträume gewissenhaft gearbeitet haben und zu Anträgen gekommen sind, die sehr konsensfähig sind, wenn man eine Grundsatzdebatte über völlig unausgegorene Anträge führen kann.
Ich habe Verständnis dafür, wenn die Anthraxkommission mit ihrem Job überfordert war. Aber warum zur Hölle habt Ihr dann nicht um Hilfe gebeten? Es muß Euch doch klar gewesen sein, daß Eure Vorarbeit nicht ausgereicht hat, um dem BPT eine sinnvolle Strukturierung anzubieten. Wenn ich mir überlege, wieviel Mühe in unseren Anträgen steckt, dann kann ich damit einfach nicht zufrieden sein.
Auch ein schönes Erlebnis auf dem BPT war die Sache mit dem Inklusionsantrag. Es gab diesen eigentlich ziemlich guten Antrag zum Thema Inklusion. Der hatte nur ein Problem. Irgendwo in diesem Antrag gab es einen von diesen Aufzählungssätzen, der war gar nicht so wichtig, man hätte ihn wahrscheinlich ganz weglassen können. Und in diesem Satz befand sich das Wort national. BÄM! Das ging ja gar nicht und in einem äußerst peinlichen Prozedere, welches sich über zwei Stunden hinzog, haben ein paar Antifaspezis den Antrag wieder kaputt gemacht, nachdem er bereits zwei mal von der Versammlung beschlossen war.
Der Höhepunkt der Absurdität war, als ich während des Diksussionbeitrages von Oliver Höffinghoff, dem Superdupervorzeigeüberantifaschisten in der Halle stand. Neben mir eine Rollstuhlfahrerin, die sich aufregte: „wir haben hier Gebärdendolmetscher, bei uns ist alles möglichst barrierefrei, warum dauert es so lange, diesen Antrag über Inklusion, der eine Mehrheit hat, zu beschließen?“ Während dessen machte sich Öliver Höffinghoff am Mikrofon gerade über Menschen lustig, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Als ich ihn später drauf ansprach, erklärte er mir, daß er Behinderte hier ganz bewußt instrumentalisiert hätte um den maximalmöglichen Schaden bei diesem Antrag anzurichten. Denn der war ja schlimm. Denn da stand das Wort national drin.
Über die Feiertage hatte ich endlich mal etwas Zeit abzuschalten und ich mußte feststellen, daß ich mich nicht mehr in der Piratenpartei befinde, sondern im Gockelland. Hahnenkampf wohin man schaut. Ein Bundesvorstandsmitglied, daß sich nicht zu blöd ist, daß „Er oder Ich“-Spiel zu spielen. Keine Sorge, sein Rücktritt ist nicht so schlimm, er ist ja als Beauftragter wieder angestellt worden. Ein anderes Bundesvorstandsmitglied, zementiert die eigene Unfähigkeit, in der Piratenpartei für gute Arbeitsstrukturen zur politischen Willensbidlung zu sorgen, indem er einen externen Verein mit Einlaßkontrolle gründet, in dem diese Willensbildung geschehen soll. Pirantifas, die von sich behaupten, für Humanität zu kämpfen, und gleichzeitig eine Menschenjagd nach der anderen anzetteln. Vermeintliche Feministinnen, die ihren vermeintlichen Kampf gegen Unterdrückung für Titel, Macht, Ansehen und Einfluß verkaufen. Die verschiedenen
Diskriminierungskeulen mit denen man sich gegenseitig den Mund zu verbieten sucht, lassen sich gar nicht mehr alle zählen. Dann gibt es da einen gewissen Queeraten, der sich nicht zu fein dafür ist, seine eigene Homosexualität und somit letzen Endes sich selbst zum Mittel (die Sache mit Zweck/Mittel ist gemeint, vergleiche §1 GG) zu machen, um eine Hetzjagd gegen eine nervige alte Frau anzuzetteln. Dabei wird er von sympathischen Spießbürgern unterstützt, die mit Anzeigen und PAVs nur so um sich schmeißen. Mittlerweile sind Piraten im 3-stelligen Bereich in diese unsägliche Sache involviert. Ironischerweise wird da eine „Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen“-Mentalität zur Schau gestellt, die echt gruselig ist. Kleine Erinnerung: Stein des Anstoßes ist, daß diese nervige alte Frau es wagt, ein Vokabular zu benutzen, daß auf internationaler Ebene Standard ist.

Alle Alleinstellungsmerkmale erfolgreich vernichtet

Genauso habe ich mir das vorgestellt, als ich in die Mitmachpartei, die einen neuen Politikstil mit respektvollem Umgang etablieren wollte, eingestiegen bin. Für mich ist das Projekt mit dem neuen Politikstil tot. Wir haben’s verbockt. Wir benehmen uns genauso asozial wie die ganzen anderen Parteien. Wir fingen an als Partei, die sich um wichtige aber verwahrloste Themenfelder kümmerte, die Visionen hatte. Mittlerweile haben wir uns in diesem Aspekt völlig selbst kastriert, wir schleifen alles Eigenständige ab, damit mehr Wähler uns lieben. Wir müssen ja schließlich die Demokratie, Europa und danach die ganze Welt retten. Und am besten schon morgen. Das können auch nur die Piraten, niemand sonst.
Klar, die Piratenpartei hat trotzdem noch einen gewissen Charme. Sie ist hip. Wir benutzen moderne Kommunikationsformen, das macht Spaß und ist chic. Aber von dem, weswegen ich hier mal angeheuert habe, ist nichts geblieben.

Verblendung und Missgunst

Und dann ist da die Sache mit dem Bundestag. Wir belügen die Wähler und uns selbst, wenn wir behaupten, daß wir bereit sind für den Bundestag. Wir sind es nicht. Es gibt zwar ein paar Leute bei uns, die ich gerne im Bundestag sehen würde. Aber als Partei sind wir nicht in der Lage, den Unterbau zu bieten, den eine Bundestagsfraktion benötigt. Viel mehr bin ich davon überzeugt, daß die Schreihälse unter uns diese Fraktion in Grund und Boden shitstormen würden.

Im Grundzug liegt dieser Text schon eine Weile bei mir rum. Seitdem sind noch drei Sachen dazu gekommen. Es gibt kaum Piraten, die mit Erfolg umgehen können, was bei sehr vielen zu Höhenflügen und Arroganz geführt hat. Es macht mich einfach traurig mitansehen zu müssen, wie richtig nette und aufgeschlossene Menschen in ein Amt oder Mandat gewählt werden und sich dann innerhalb von Tagen in zugeknöpfte, abgehobene Arschlöcher verwandeln. Und dann geht es auch ganz schnell nicht mehr darum, zu Ergebnissen zu kommen oder Verantwortung zu übernehmen, sondern sich weitere Karriereoptionen freizuschalten oder Monumente zu bauen. Da muß ich mir dann plötzlich anhören, daß diese Veranstaltung ja ein Kongress ist, und nicht ein Barcamp. Und dann sind sie da, die Scheren im Kopf. Genau die Scheren, die wir einst austreiben wollten, wir pflanzen sie uns in unserem Größenwahn selbst ein.
Noch schlimmer finde ich aber, wie Piraten sich verhalten, wenn der Erfolg dann mal ausbleibt, siehe Niedersachsen. Auf einmal kommen die ganzen Unzufriedenen für einen Tag auf die Bildfläche. Da wurden sogar wichtige Mißstände eindeutig angesprochen. Herzlichen Glückwunsch, aber wo wart Ihr vorher? So lange wir nur erfolgreich sind, ist es egal, daß wir Dinge machen, die unseren Grundsätzen widersprechen? Von einem Piraten, den ich sonst sehr schätze mußte ich hören, daß er Dinge wegen dem Wahlkampf nicht angesprochen hätte. Seit wann sind wir die, die Dinge aussitzen, statt sie anzusprechen? Gibt es bei uns dann in Zukunft auch Diskussionen, die nicht mehr geführt werden, weil sie „medial unerwünscht“ sind? Nach einem Tag war der Spuk dann wieder vorbei und alle machten genauso weiter wie vorher.
Was aber in der letzten Woche dem ganzen die Krone aufgesetzt hat, war eine andere Sache. Dieser Pirat kandidiert nämlich für die Bundestagsliste. Außerdem hält er gerade eine Vortragsreihe. Die beiden Dinge haben nichts miteinander zu tun und das es zeitlich so zusammen gefallen ist, ist Zufall gewesen. Dennoch haben ihm viele Piraten sein Engagement zum Vorwurf gemacht. Ich wollte einen Blogpost veröffentlichen, der diese Vortragsreihe vorstellt und ein bißchen Werbung macht. Das Thema ist nämlich ein wichtiges und benötigt sowohl bei den Piraten als auch in der allgemeinen Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit. Er hat mich gebeten, diesen Blogpost vorerst nicht zu veröffentlichen. Ich habe das dann auch nicht getan, weil ich ihn vor Häme schützen möchte und verstehe seine Bitte voll und ganz. Wofür ich kein Verständnis habe, ist die Mißgunst und Intriganz, die ihm entgegen schlägt und mich jetzt ganz konkret daran hindert, meine Arbeit machen zu können.

Danke für den Fisch

Deshalb ist jetzt erstmal Schluß mit wir. Ich möchte nicht mehr dazu gehören und werde bis auf weiteres meine Mitgliedschaft ruhen lassen. Dabei möchte ich nicht falsch verstanden werden. Ich stehe nach wie vor hinter den inhaltlichen Positionen der Piraten. Ich muß mir nur einfach für mich selbst erstmal klar werden, ob ich in einer etwas hipperen Altpartei so Politik machen möchte, wie es die anderen Altparteien machen: mit Ellbogen, Intrigen, Mobbing und der ganzen Kackscheiße. Es gibt zwei Orte, an denen ich mich nach wie vor wohlfühle. Das ist mein Kommunal-AK und AK/AG Drogenpolitik. Ich werde dort weiter mitarbeiten, vor allem auch, weil mir die Menschen dort sehr ans Herz gewachsen sind, allerdings als Bürger und nicht als Parteipirat.

Advertisements

14 Gedanken zu „Ich bin raus

  1. Es ist bestimmt nicht alles in Ordnung bei den Piraten, aber ich bitte dich deine Wahrnehmung der Partei noch einmal zu überprüfen: so schreibst du ja, dass viele Piraten hier einem gewissen Kandidaten sein Engagement mit der Vortragsreihe vorwerfen würden. Tatsächlich hat er aber doch heute einen guten Platz auf der Landesliste erreicht – es kann also doch nur eine kleine Minderheit gegen ihn sein.

    Mal ein anderer positiver Eindruck von der AV: ich kann mich nicht erinnern, jemals eine Piratenversammlung mit so wenigen GO-Anträgen erlebt zu haben. Ich denke, viele haben nun nach der Niedersachsenwahl kapiert, dass jetzt gemeinsam und nicht gegeneinander handeln müssen.

    Gib der Partei noch eine Chance.

  2. Etwas längerer Kommentar eines immernoch-nicht-Piraten: Einige Punkte kann ich gut nachvollziehen. Nicht allen würde ich zustimmen und zum Teil könnte man die Kritik auch selbstbezüglich anwenden.
    Ich möchte einen Punkt rausgreifen, dem ich nicht zustimme, den ich aber trotzdem komplett nachvollziehen kann und zwar von beiden Seiten:
    Du schreibst: „wie richtig nette und aufgeschlossene Menschen in ein Amt oder Mandat gewählt werden und sich dann innerhalb von Tagen in zugeknöpfte, abgehobene Arschlöcher verwandeln.“ – Ich hab das selbst schon erlebt. Und zwar von der Seite als „Arschloch“. Es war nur ein völlig unbedeutendes Uni-Amt. Es war aber nicht, wie es bei dir klingt das Amt oder die Macht die mich Verändert hat. Sondern es haben sich die Erwartungen und Erfordernisse an mich geändert. Ohne Amt war alles was ich gemacht habe gut und man hat mir dafür gedankt weil es nicht selbstverständlich war. Mit Amt habe ich das Selbe gemacht, aber es war jetzt mein Job. Und damit wird dann auch eher kritisiert wenn etwas schlecht gemacht wird und man ist mit ganz unterschiedlichen Erwartungshaltungen an den Job konfrontiert, denen man allen gar nicht gerecht werden _kann_. Dazu bekam ich plötzlich viel mehr an Informationen und war gezwungen schnelle Entscheidungen zu treffen. Ersteres zwang mich eine Selektion vorzunehmen. Vorher war es einfach alles weiterzugeben, plötzlich musste ich auswählen und war zugeknöpfter. Vorher konnte ich jede Entscheidung in Ruhe absprechen, abwarten und im Zweifelsfall einfach nicht machen. Jetzt musste ich in einer Sitzung eine Entscheidung treffen. Da bleibt keine Zeit mit allen alles abzusprechen. Davor hab ich meine Regeln selbst festgelegt. Danach wurden sie mir von anderen vorgegeben.
    Kurz: Ich war der selbe Mensch. Mit den selben Idealen. Aber mit Mandat war ich plötzlich nicht mehr in der Lage so zu agieren, wie ich es selbst von mir erwartet hätte.

    Wo ist der Fehler? Mir war nicht klar und ich musste erst lernen, dass ich nicht einfach das selbe weiter machen konnte. Sondern ich musste meine Arbeitsweise und damit auch mich selbst verändern. Statt Dinge einfach zu tun, musste ich sie jetzt auch erklären. Statt einfach drauf los zu schreiben musste ich mir vorher Gedanken machen was und wie ich es schreibe. Anfangs war ich damit schlicht und einfach überfordert (auch weil ich damit nicht gerechnet hatte), was durchaus zu einigen Verwerfungen geführt hat. Im Laufe der Zeit hab ich dann gelernt und mich angepasst, aber auch die von mir vertretenen Studis mussten sich an mich anpassen und manche Dinge akzeptieren. Schwieriger waren die externen Zwänge. Viele davon waren da, aber hätten nicht da sein müssen. Aber ein RCDS oder ein GsF hat ja gar kein Interesse daran etwas zu ändern. Und auch das war ein Spannungsverhältnis, dass mir zuvor nicht so klar war. Irgendwann kam ich an den Punkt entweder meine Vorstellung zu Transparenz und Einbeziehung der Studis aufgeben zu müssen oder meinen direkten Verhandlungs-Einfluss auf Verbesserungen aufgeben zu müssen. Ich hab mich für zweiteres entschieden, bin mir aber bis heute nicht sicher ob es das richtige war.

    Fazit: Die Diagnose der Situation „… Arschlöcher verwandeln“ ist etwas polemisch aber nicht ganz falsch. Nur die Ursachenforschung fehlt. Es ist (wie meistens) nicht das Individuum das Problem, sondern die Einwirkungen in dem Amt und vor allem auch die Vorbereitung auf die anderen Erwartungen in selbigem. Manche bekommen es gut hin, doch viele zerbrechen so oder so daran.

    • Hallo otisworld,

      ich gebe Dir recht, daß das ein ganzes Stück weit an der Umgebung und an den Strukturen liegt, daß Menschen sich in Mandaten oder Posten so sehr verändern. Und ich komme zu dem gleichen Fazit wie Du, vielleicht habe ich das nicht oben nicht deutlich genug geschrieben. Ich würde mir wünschen, daß es bei den Piraten mehr Diskurs darüber gäbe, wie solche Positionen auf Menschen einwirken und wie sowohl der Postenträger als auch der Rest so damit umgehen kann, daß diese Folgen gemindert werden. Ich habe aber den Eindruck, daß dieser Diskurs nicht nur eingeschlafen ist sondern bei immer mehr Leuten gerade zu verpönt ist.

  3. Mensch Spiff, da hast Du aber einen heftigen Rundumschlag zum Abschied hingelegt. Ich teile nicht alles, was Du schreibst, aber in vielem hast Du recht. Viele andere und ich werden Dich vermissen. Wir werden alles daran setzen, dass sich die Piraten so entwickeln, dass auch Du mit Freuden wieder zurückkommst.

    Wenn wir nicht bald konsequent genug, wieder in die richtige Richtung segeln, erleiden wir Schiffbruch. Mit Achim und Spiff sind es gerade nicht die Ratten, die das Schiff verlassen.

    Es gab viele, die sich zuletzt ernsthaft und intensiv um das Kandidatenportal (Fulleren), um die Podcasts und um das Grillen im RL und im Mumble (Krähennestler, Münsterland-, Pulheim- und BO-Piraten) gekümmert haben. Auch für die und auf der AVPampa haben sich viele (MK – , AGTechnik-, AG Schnittchen-, AG ÖA-, LaVo- und auch MdL-Piraten = ca. 60 Piraten) eingesetzt und noch viel mehr = ca. 500 sind gekommen. Nicht zu vergessen, der Aufwand, den die Kandidaten geleistet haben, beim beantworten, der bis zu teilweise mehr als 200 Fragen.

    Wenn dieser ganze ehrenamtliche Aufwand nicht umsonst gewesen sein soll, müssen wir in uns gehen. Wir müssen nachdenken, wie wir es in Zukunft verhindern können, dass so viele beschädigt und frustriert aus dem teilweise, an ein Spießrutenlaufen erinnernden Grillen, hervorgehen.

    Es kann nicht jeder auf aussichtsreiche Plätze gewählt werden. Daher sind Entäuschungen nicht zu vermeiden. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen und wie wir auch den anderen respektablen Kandidaten, die auf hinteren Plätzen landen, zeigen, dass wir gemeinsam an unserer neuen Politikkultur weiter arbeiten wollen.

    Lasst uns alle diese Rücktritte zum Anlass nehmen, dass wir uns auf unsere Grundwerte und -ziele besinnen und es in Zukunft besser machen.

    Lasst uns gemeinsam überlegen, wie wir es erreichen können, dass sowohl beim Kandideren, als auch beim Grillen, der Respekt vor den Menschen und ihrem Einsatz sichtbar ist und bleibt.

    Wir vergeuden sonst weiter wertvolle Zeit für Selbstbepiegelung und Selbstzerfleichen.

  4. Danke. Danke danke danke. Besser hätte man es nicht formulieren können. Mir geht es gedanklich sehr ähnlich, aber ich habe noch Hoffnung das sich da wieder etwas ändert.

  5. Wie gerne würde ich jetzt sagen:“Spiff, du irrst dich! Alles halb so wild usw.“, aber leider hast du mit allem was du beschreibst recht! Trotzdem werde ich weitermachen, denn ich habe noch immer die Hoffnung, dass einige der Piraten, die nicht für RuhmEhre(?)Karriere unsere Idee von einem anderen Politikstil verkaufen, im BT landen und sich gegen das Schmierentheater der Anderen durchsetzen. Denn genauso wie die Gesellschaft endlich loyale und fähige politische Vertreter braucht, brauchen diese dann unsere Unterstützung, wahrscheinlich 
    auch gegen den eigenen Haufen!

  6. Wie schrecklich, dass du Recht hast! Ich hoffe, wir sind/bleiben Freunde und ich gebe den Versuch nicht auf, so viel wie möglich erst mal bei uns selbst zu ändern.
    Dir alles Liebe,
    Samy

  7. Hallo Spiff,

    wir werden etwas Entscheidendes nicht überspringen können: die (Ver)Änderung von menschlicher Kultur, menschlichem Umgang. Die Menschen reagieren nicht anderes, nur weil sie ein (neues) hehres Ziel eint. Wir zusammen können uns wünschen, dass wir einen anderen Stil etablieren. Wir können uns dahin bewegen, kleine Trippelschritte vor, zurück, seitlich machen. Und wieder wünschen, fordern, warten. Dran bleiben.

    Und wir wollen nicht so vermessen und überheblich sein, dass wir uns für bessere Politiker, „bessere“ kompatiblere Menschen halten dürfen.

    Es dauert.
    Ich ertrage es zwischendurch auch kaum.
    Aber wir wissen, dass es nicht einfach sein kann.
    Und dass es dauern wird.
    Lange.

    Liebe, hartnäckige Grüße von einer WildOat, die sich für deine klaren Worte bedankt.
    Und trotzdem: Veränderungen dauern.

  8. Dein Bericht macht mich einfach traurig und betroffen. Aber aus eigener Erfahrung kann ich alles, was du geschrieben hast, nachvollziehen. Auch zu allen genannten und ungenannten Namen.
    Was mich in der Piratenpartei hält sind die Ideale, die du selbst immer noch hast und ein Team von tollen Gleichgesinnten um mich herum. Wir wollen unsere Partei jetzt von unten her aufrollen. Mal sehen, wie weit wir damit fliegen …

  9. Hey, Spiff,

    ich lese das hier mit Bedauern. Und ich gebe Dir in allen Punkten Recht. Sehe ich übrigens auch im Zusammenhang mit afelias Ausführungen zu „Wir haben gelogen“.

    Darüberhinaus bin ich froh, dass Du weiter arbeitest in den beiden genannten Gruppen und es daran festmachst, dass die Menschen dort für Dich wichtig sind.

    Mir geht es genauso und ich habe die große Hoffnung, dass es gelingt, unsere Partei (Zusammenschluss von Menschen mit gleichen politischen oder gesellschaftlichen Überzeugungen – meine eigene Definition) irgendwann so weit reifen zu lassen, dass es auch mit vielen zigtausend MitgliederInnen funktioniert.

    Bis dahin benötigen wir alle viel Geduld und Ausgauer – erst recht in den von Dir angesprochenen Punkten.

    Herzliche Grüße
    Felix

  10. ja, ja, so gehen Ideale dahin und mit Ihnen Freunde. Fabian, ich habe dir in vielen Gesprächen immer gesagt, für diese hohen Ziele brauchen wir ein neues Menschenbild, Dieses Bild können wir mit meiner Generation, deiner und der meiner Kinder nicht erreichen. Aber villeicht mit der Generation meiner Enkelkinder. Und dafür will ich alter Mann heute einen Teil des Weges freiräumen. Deswegen bin ich auch nicht so gewaltig entteuscht, sondern nur frustriert, frustriert über hochintelligente Leute, die entweder selbst zum Trittbrettfahrer geworden sind oder als sogenannte Basis solche Trittbrettfahrer in Amt und Funktion heben, in einer Breite die erschreckend ist. Wo sind sie die einfachen kleinen Leute, die mit Bauchgefühl für gut und schlecht die Entscheidungen treffen könnten, ohne hoch-wissenschaftliche Beratung. Sie sind in den Löchern verschwunden, aus Angst vor den “ Hähnen “ aus Gockelland. Das mein Freund macht mich so gewaltig traurig. Deswegen versuche ich hier in Gelsenkirchen einen kleinen Microkosmos zu bauen, wo das eben nicht so ist. Und deswegen freue ich mich das du bei uns bleibst, denn wir brauchen dich hier. Hier schaffen wir das Outland von Gockelland.

  11. Ich nehme auch erst einmal eine Auszeit. Es fühlt sich alles immer mehr nach Parteipolitik an. Ich hab im Moment (glücklicherweise?) so viel zu tun, dass ich gar nicht darüber nachdenken und auch nichts bloggen kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s