Political Correctness zersetzt jegliche Zwischenmenschlichkeit

In einem just veröffentlichten Text schreibt Sybille Berg darüber, wie Political Correctness ihr die Interaktion mit anderen Menschen verleidet: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-ueber-politische-korrektheit-a-942246.html

Das ist sehr mutig, denn sie selbst hat keine augenscheinliche Behinderung. Damit macht sie es den Shitstormern einfach, liegt doch hier der Vowurf nahe, sie würde ihr „Privileg“ ausnutzen um „Schwächeren“ etwas vorzuschreiben. Ich finde aber, daß sie ein wichtiges Thema anspricht, was sowohl Menschen mit als auch ohne Behinderung etwas angeht.
Für den politisch korrekten Umgang mit einer Minderheit gibt es in Deutschland ein festes Regelwerk. Bevor man mit der Minderheit in Kontakt tritt, sollte man sich an geeigneter Stelle (z.B. die Webseite einer Organisation, die sich dieser Minderheit widmet) über korrekte Sprach- und Umgangsregeln informiert haben. Wenn man dann auf die Minderheit trifft, soll man in unterwürfiger Demut das zuvor erlente Programm abspulen. Hat das dann überhaupt noch etwas mit zwischenmenschlichem Austausch zu tun oder ist das schon Maschinenwinter?

Mir ist erst vor Kurzem eine Sache passiert, die wunderbar illustriert, wohin das blinde Befolgen solcher Politlical Correctness Dogmen führen kann. Seit etwas mehr als einem halben Jahr arbeite ich für eine Firma, die Autisten auf den 1. Arbeitsmarkt vermittelt. Neben meiner Tätigkeit als IT-Consultant mache ich auch gelegentlich PR für die Firma, z.B. Pressetermine, aber auch Vorträge auf Fachtagungen zum Thema Autismus.
Jetzt muß ich kurz die Struktur meines Arbeitgebers erklären: es gibt bei uns den operativen Teil, das sind die Autisten die die eigentlichen Arbeiten bei den Kundenfirmen vor Ort erledigen und dann gibt es einen administrativen Teil, der die Kunden- und Auftragsaquise erledigt. Zum administrativen Teil gehören auch die Job-Coaches. Das sind Neurotypiker, die sich gut mit Autismus auskennen. Ihre Aufgabe ist es, bei den Kundenfirmen für ein autistengerechtes Arbeitsumfeld zu sorgen und bei Schwierigkeiten zu vermitteln.
Wenn eine Anfrage wegen eines PR-Termins kommt, dann wird die Anfrage von meiner Job Coach bearbeitet, so daß ich mich nicht um Termine absprechen und sowas kümmern muß. Das kommt mir sehr gelegen, denn mein Hauptbetätigungsfeld auf der Arbeit ist Programmieren. Wenn ich nebenbei ständig wegen irgendwelchen Terminen oder Absprachen meine Arbeit mit Telefonaten unterbrechen müßte, dann würde mich das sehr stören. So kann ich am Anfang oder Ende meines Arbeitstages meine Mails checken, die wesentlichen Fragen beantworten und mich ansonsten auf meine Kerntätigkeit konzentrieren.
Diesmal kam die Anfrage von einem besonders gewissenhaften Menschen. Er wollte unbedingt noch mal mit mir persönlich sprechen um sich zu vergewissern, daß meine Kolleginnen da nicht einfach über meinen Kopf hinwegentscheiden. Dahinter steckt erstmal ein hehres Anliegen. Menschen mit Behinderung sind in der Regel in bestimmten Situationen auf die Hilfe eines anderen Menschen angewiesen. Nicht selten führt diese punktuelle Abhängigkeit dazu, daß der Mensch mit Behinderung in seiner Gesamtheit als minderwertig bzw. unselbstständig wahrgenommen und entsprechend behandelt wird. Das Umfeld maßt sich dann gerne an, diesem Menschen in allen Bereichen seines Lebens Vorschriften zu machen, bloß weil er in einigen wenigen Situationen auf die Hilfe Anderer angewiesen ist. Von daher habe ich ein kleines Stück weit Verständnis das der seitens der Veranstaltung zuständige Mensch gerne noch mal überprüfen wollte, das da alles in Ordnung ist, wenn eine Firma einen Mensch mit Behinderung als Repräsentant schickt.
Andererseits möchte ich an dieser Stelle in aller Deutlichkeit sagen, daß ich auch als „Behinderter“ durch aus in der Lage bin, Dinge an andere Menschen zu delegieren! Da wird nicht über meinen Kopf entschieden sondern in Absprache mit mir. Das automatisch unterstellt wird, daß eine mißbräuchliche oder von Ausnutzung geprägte Beziehung zwischen mir und meinem Arbeitgeber bestehen könnte, oder dieser Verdacht zumindest geprüft wird ist eine Sonderbehandlung, auf die ich gerne verzichten kann.
Bis hierhin ist aber noch soweit alles im grünen Bereich. Man könnte hier von einem Menschen, der sich regelmäßig mit den Belangen von Menschen mit Behinderung beschäftigt, vielleicht ein bißchen mehr Fingerspitzengefühl erwarten, aber ich versuche jedem, der sich die Mühe macht, sich mit Behinderung auseinander zu setzen, eine gewisse Fehlertoleranz zu zugestehen.

So, der Veranstalter hat also dann versucht, mich anzurufen. Das hat im ersten und zweiten Anlauf nicht geklappt. Mein Handy zickt ein bißchen rum in letzter Zeit und an meiner Arbeitsstelle ist der Empfang auch miserabel. Daraufhin wandte der Veranstalter sich noch mal an meine Kollegin um zu fragen, wann man mich gut erreichen könnte, mit dem Ergebnis, daß er mir in einer Mail ankündigt, mich später zwischen 17.00 Uhr und 17.30 Uhr anzurufen. Das tut er aber nicht, stattdessen ruft er am nächsten Tag um 7.45 Uhr an. Meine Kollegin hatte ihn extra angewiesen, nicht morgens anzurufen. Das ist auch richtig so, weil ich morgens mit Wachwerden beschäftigt bin und da auf Telefonate nicht sonderlich erpicht bin. Und ab da habe ich mich dann schon ein wenig geärgert. Letztendes kam das Gespräch nur zu stande, weil ich ihm hinter her telefoniert habe. Das Telefonat war auch ein wenig unangenehm, ich habe mich wie ein Behinderter behandelt gefühlt. Ich kann es nicht an einer bestimmten Redewendung festmachen, er gab mir einfach die ganze Zeit das Gefühl etwas „Besonderes“ zu sein.
Fassen wir also zusammen: am Anfang stand die Intention, der political Correctness gerecht zu werden und besonderes Augenmerk darauf zu legen, daß der „Behinderte“ nicht ausgenutzt wird. Wo ich auf der einen Seite Verständnis für die Sorgfalt habe, sehe ich aber auch das auf der anderen Seite dabei mitschwingt, daß meinen Kolleginnen Menschen mit Behinderung ausnutzen würden und wie obig schon erwähnt pauschal ausgeschlossen wird, daß ein Mensch mit Behinderung delegieren kann. Das empfinde ich gegenüber meinen Kolleginnen, die ich sehr schätze, schon als ziemlich respektlos. Demgegenüber steht aber die völlige Ignoranz gegenüber einer expliziten Anweisung meiner Kollegin nicht morgens anzurufen. Außerdem macht der gute Mann eine Absprache und hält sie nicht ein, und das obwohl Vorwissen über Autismus besteht.
Und das bringt dann auch auf den Punkt, warum ich von Political Correctness nix halte. Anstatt sich mit dem Gegenüber auseinander zu setzen, hat dieser Mensch blind sein vorher auswendig gelerntes Political Correctness Programm abgespult, die individuellen Äußerungen von den individuellen Menschen, mit denen er sich auseinandergesetzt hat, sind aber nicht mehr durchgekommen. Und das finde ich wirklich traurig. Political Correctness reduziert Zwischenmenschlichkeit auf ein blindes Abspielen vorher auswendig gelernter Rituale und Umgangsformen. Echter menschlicher Austausch findet nicht mehr statt. Das schützt marginalisierte Gruppen weder vor Diskriminierung, es ist selbst eine Diskriminierung, noch ändert es etwas in der Gesellschaft an sich, weil kein Umdenken stattfindet, lediglich ein Auswendiglernen. Im Prinzip ist das blinde Befolgen von Political Correctness Gehabe statt der echten Auseinandersetzung mit dem Gegenüber genau so eine Alibihandlung wie wenn man im Monat 20,- für eine Patenschaft eines hungernden Kindes in Afrika bezahlt aber dann trotzdem bei Primark einkaufen geht.

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